Wie weit geht die Abwärtsspirale?

noch ein repost…» Sat Aug 13, 2011 10:42 pm

In der Debatte um die Wirtschaftspolitik gehen oft die einfachsten Tatsachen vergessen:Jede Ausgabe ist für jemanden eine Einnahme!

Alle Schulden sind auch jemanden‘s Guthaben!

Nicht alle können Gewinne machen / Sparen – denn die Summe aller Einnahmen und Ausgaben muss auf 0 aufgehen.

Ein Anstieg der kumulierten privaten Ersparnisse im Land ist daher nur möglich, wenn jemand anders ein Defizit hat. Entweder, wir haben Exportüberschüsse, dann hat der Rest der Welt mit uns ein Handelsdefizit. Oder unsere Regierung hat Budgetdefizite. Oder – in Zeiten von Metallgeld (Gold- und Silber), die Gold- und Silberminen hatten ein „Defizit“ – in dem Sinne dass ihr Vorrat an nicht abgebauten Metallen schrumpfte.

Die meisten Akteure gehen in der Regel von ihrer „Mikro“ökonomischen Sicht aus, und können nicht in grösseren Zusammenhängen denken. D.h. sie „sehen vor lauter Bäumen den Wald nicht“.
Viele Leute wollen sparen – ein Polster für schwierige Zeiten anlegen, usw. Die Unternehmen möchten möglichst grosse Gewinne machen, und sicher keine Verluste. Die Massnahmen, die dabei ergriffen werden, zielen darauf, die Ausgaben so niedrig wie möglich zu halten, und die Einnahmen maximal zu steigern. In der Wirtschaft ist der bevorzugte Ansatz: rationalisieren so viel wie möglich, Löhne tief halten, Personal einsparen – und mehr verkaufen….

Der mikroökonomische Ansatz funktioniert im Weltmassstab nicht!

Wenn alle Unternehmen versuchen, Ihre Kosten zu senken, möglichst wenig Personal zu beschäftigen, und dabei mehr zu verkaufen, werden die meisten von ihnen ihre Ziele nicht erreichen.

Denn die Reduktion der Löhne/der Beschäftigung reduziert die Kaufkraft der Arbeitnehmer, die Verkäufe können also kaum zunehmen. Zwar verschiebt sich die Aufteilung der Erlöse zugunsten des Kapitals (Gewinneanteile steigen, Lohnanteile sinken) – aber viele Betriebe verfehlen ihre Verkaufsziele und erzielen geringere Margen als geplant. Einige gehen pleite – die Überlebenden versuchen das akkumulierte Kapital in weitere Rationalisierungen zu investieren, und damit die Spirale zu beschleunigen. Je länger dies fortschreitet, desto grösser wird der Kapitalanteil (Investitionen) an den Produktionskosten, und desto kleiner wird der Lohnanteil. Dies reduziert die Kaufkraft immer schneller. Der Endzustand müsste eine Welt mit vollautomatischer Produktion sein. Da keine Löhne mehr anfallen, besteht auch keine Kaufkraft – d.h. sowohl Lohnsumme wie Preise können nicht grösser NULL sein.

Lange bevor die Welt auf dieser Abwärtsspirale so weit nach unten kommt, müsste die Entwicklung irgendwie umschlagen. Aber wie?

Wie ist es möglich, dass Produktivitätsgewinne, die mehr Produktion mit derselben Arbeitsmenge oder die gleiche Produktion mit einer geringeren Arbeitsmenge ermöglichen, nicht zu fortschreitender Verelendung (durch steigende Arbeitslosigkeit) führt?

Entweder, a) die Verkäufe müssen mit der steigenden Produktion Schritt halten – oder b)die reduktion der Arbeitsmenge darf nicht zu geringeren Absätzen führen.
Wie ist so was möglich?

Mehr Verkäufe (für alle) sind möglich, falls 1) die Preise genügend sinken, dass die Mehrproduktion mit den bestehenden Löhnen gekauft werden kann – 2) Die Löhne genügend steigen, dass die Mehrproduktion (zu bisherigen Preisen) gekauft werden kann – 3)Die Exporte zunehmen, d.h. das Ausland kauft unsere Mehrproduktion auf – oder 4) der Staat tritt vermehrt als Käufer auf.

Gleichbleibende Verkäufe bei sinkendem Arbeitsaufwand sind möglich, wenn entweder 5) die Wochenarbeitszeit bei gleichbleibendem Lohn gekürzt wird – oder 6) die Lebensarbeitszeit sinkt (frühere Pensionierung, längere Ausbildung, bezahlter Mutterschaftsurlaub, grosszügige Leistungen bei Arbeitslosigkeit – alles bezahlt durch staatliche Sozialnetze.)

Die Optionen 1), 2) (und 5) gehen zu Lasten der Gewinnmargen der Unternehmen, und werden von diesen daher kaum bevorzugt. Option 3) funktioniert höchstens für einzelne Länder, die Welt als ganzes kann keinen Exportüberschuss haben – wohin denn? Option 4) – höherer Staatskonsum – kann 4a) durch höhere Steuern finanziert werden – Unternehmenssteuern reduzieren jedoch die Profite – Konsumsteuern reduzieren dagegen die Netto-Kaufkraft, helfen also nicht wirklich. Was jedoch funktioniert ist ein höheres StaatsDEFIZIT. Auch bei Option 6) ist die DEFIZITfinanzierung der Sozialprogramme die gesamtwirtschaftlich Wirksamste – höhere Beiträge für Sozialversicherungen schöpfen erneut Kaufkraft ab, verfehlen also dass Ziel.

Wie verhält sich das theoretische Modell nun mit der Praxis der Weltwirtschaft der letzten 150 Jahre?

In den ersten Jahrzehnten war die kapitalistische Wirtschaft noch nicht weltweit dominierend, und auch viele Industriestaaten hatten noch einen grossen Landwirtschaftsektor. Dieser diente als gewisser Puffer – Arbeitskräftereservoir – unerschlossener Markt. Einige Staaten hatten Handelsbilanzüberschüsse, andere fanden Gold, einige hatten nicht gedeckte Defizite, und Krisen waren zahlreich.
Ab den 1880/1890 Jahren verschärfte sich die Expansion in die Randregionen / Kolonialgebiete, die als zusätzliche Absatzmärkte gewonnen werden sollten. Der Erste Weltkrieg wurde durch riesige Staatsdefizite finanziert, dies führte in einigen Ländern zu erheblicher Inflation.
Die Rückkehr zum „Business as Usual“ in den 20 Jahren erwies sich als schwierig, verlief aber in den einzelnen Ländern sehr unterschiedlich. Ab 1929 geriet das System jedoch an den Rand des Zusammenbruchs.

Die Abwärtspirale wurde schliesslich durchbrochen, in dem ab den frühen 30 Jahren fast alle wesentliche Staaten grosse Staatsdefizite erlaubten, die die fehlende Nachfrage auffing. Diese Politik wurde im grossen und ganzen auch nach dem zweiten Weltkrieg fortgesetzt (die USA konnten die Defizite jedoch reduzieren, da die extrem hohen Defizite während des Krieges zu hohen Sparguthaben der Bevölkerung geführt hatten, die sich dadurch bedeutend mehr leisten konnte).

Die anhaltenden Defizite erlaubten eine hohe Beschäftigung, und dies wiederum erhöhte die Macht der Gewerkschaften. Dadurch konnten auch Forderungen nach höheren Löhnen, kürzer Arbeitszeit, früherem Renteneintritt (und höheren Renten) durchgesetzt werden. Die Zeit bis ca. 1980 war von zunehmendem Wohlstand und sinkenden sozialen Ungleichgewichten geprägt.

Aus Sicht der Unternehmerschaft blieben die Gewinne allerdings bescheiden, und die Steuern schienen vielen zu hoch. Der hohe Nachfragedruck begünstigte in vielen Ländern auch eine nicht unerhebliche Inflation.

Ab ca. 1980 begann sich das Blatt zu wenden – die Forderungen der Grosskonzerne fanden nun vermehrt Gehör – Öffnung von Märkten – mehr Exportchancen – aber auch die Möglichkeit, die Produktion in Länder mit tieferem Lohnniveau zu verlagern, eröffneten neue Gewinnmöglichkeiten. Die von zahlreichen Staaten gewährten Steuersenkungen verschoben noch grössere Teile des Einkommens zugunsten des Kapitals, und weg von den Arbeitnehmern. Die Gefahr einer Abwärtspirale gewann erneut Realität.

Die nächsten Jahrzehnte wahren geprägt von grösser Ungleichheit in den westlichen Industriestaaten (die Produktiviätsgewinne gingen ausschliesslich an die Unternehmen, und nicht an die Arbeitnehmer), die Macht der Gewerkschaften begann zu bröckeln. Der Kaufkraftverlust fiel zuerst noch nicht so stark ins Gewicht, da billige Importprodukte die teureren einheimischen Waren verdrängten, und viele Leute sich privat verschuldeten, um nicht auf den gewohnten Konsum zu verzichten. Das Wirtschaftswachstum in vielen westlichen Ländern war sehr moderat, die Aussenhandelsbilanz verschlechterte sich, der Staat trug zwar weiterhin durch Defizite zum Überleben des Systems bei, in Anbetracht des geringen Wachstums machten die Staatsschulden allerdings einen steigenden Anteil der Wirtschaftskraft aus, und auch die private Verschuldung stieg zusehends an. Die steigende Staatschulden wurden von bürgerlichen Politikern zusehends als Bedrohung angesehen, und als Vorwand für den Abbau von Sozialleistungen usw. angeführt.

Ab dem Jahr 2008 zeigte sich jedoch, dass der weitere Anstieg der privaten Verschuldung nicht möglich war – zahlreiche Zahlungsausfälle drohten im Herbst/Winter 2008/2009 das ganze Bankensystem in den Abgrund zu reissen. Contre Coeur rafften sich die Politiker zu einer Rettung der Banken und einigen Wirtschaftsankurbelungsprogrammen auf – diese erhöhten natürlich das Staatsdefitzit, verhinderten jedoch den Kollaps des Systems.

Die „Erholung“ ab ca. 2010 blieb jedoch sehr schwach – die Staatsdefizite waren viel zu klein um eine massive Stütze der Wirtschaft zu werden, und statt nach wirksameren Ankurbelungsmassnahmen zu suchen, fokussierte sich die Politik viel mehr auf das angeblich zu grosse (in Wirklichkeit viel zu kleine) Staatsdefizit. Der Ruf nach Einsparungen, inklusive dem Kahlschlag bei den Sozialwerken, wird immer lauter. Diese Politik wird die Welt sehr rasch auf eine sehr abschüssige Bahn bringen.

Das Staatsdefizit ist DAS LEBENSELEXIR des Kapitalismus. Ohne chronische grosse Defizite kann das System nicht überleben. Die Politik in den USA und Europa strebt offensichtlich nach dem kollektiven Massenselbstmord.

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